SPOTTING CULTURE ÜBER ‚AN INCOMPLETE LIFE‘ VON WILD VLEES

Foto: Candy Welz

Was ist ein vollkommenes Leben? Susann Ehrlichmann, Teilnehmerin von Spotting Culture 2018 sammelt ihre Gedanken zu „An incomplete Life“ von Wild Vlees.


Ein junger Mann füllt Salz, das er aus einem Container schöpft, in ein Konstrukt aus Eisen und Glas, das bereits auf den ersten Blick einer Sanduhr gleicht. Er steigt dafür eine Leiter hinauf, schüttet, steigt hinab, schöpft, wieder und wieder, kontinuierlich, unermüdlich. Danach räumt er auf, schenkt sich ein Glas Wasser ein, trinkt und legt sich nieder. Um auszuruhen?

Das Salz beginnt auf ihn nieder zu rieseln, einzelne Körner prallen von ihm ab, fallen auf den Boden, rollen sanft über das Parkett, bleiben auf ihm liegen und bedecken ihn langsam. Die Zuschauer stehen im Raum dicht an den Wänden, einige sitzen bequem angelehnt auf dem Boden. Ich muss meine Position verändern, ich will sein Gesicht sehen. Es kommt Bewegung in den Raum. Die Sitzenden rutschen nach vorn in den Raum hinein, wahren dennoch Abstand. Ich bleibe stehen, sehe in das Gesicht des jungen Mannes. Er hat die Augen geöffnet, blinzelt oft. Ich fühle mich angesehen von ihm. Ich schaue in die Gesichter der Umstehenden. Ich sehe Neugier, Anspannung, Verunsicherung, Besorgnis, auch Amüsement, Widerwillen, Langeweile. Zwei Frauen tippen mit dem Finger die um sie liegenden Salzkörnchen auf. Sieht er das auch? Sind wir alle Teil dieser Performance, ohne die das, was wir sehen, nicht aufgehen würde?

Inzwischen bedeckt das Salz seinen Mund und die Nase. Ich bin vorbereitet, das Programmheft verspricht ein experimentelles Projekt, das hohen körperlichen Einsatz abverlangt, ich würde es auch Leidensfähigkeit nennen wollen. Doch jetzt mal ganz pragmatisch: Kann er wirklich noch atmen? Was würde passieren, ich ginge jetzt nach vorn und würde seine Nase frei machen? Habe ich dann das Kunstwerk zerstört? Den gewünschten Eindruck verdorben? Wird so eine Reaktion aus dem Publikum von den Künstlern einkalkuliert, vielleicht sogar gewünscht? Es würde sowieso nichts nützen, der Behälter über ihm ist noch immer mehr als halb voll, gleich ist sein gesamtes Gesicht bedeckt. Je weniger wir von ihm sehen und gesehen werden, desto näher rücken die Betrachter an ihn heran.

Meine Gedanken laufen auf Hochtouren. Die eingespielte Geräuschkulisse, die an Brummen, Klopfen, Rauschen erinnert, führt zu Assoziationen, die nichts mit dem Geschehen vor mir zu tun haben. Eigene erlebte Enge, Angst, Schmerz. Ich bemühe mich, mich zu konzentrieren auf das, was ich sehe. Es verwirrt und es macht todtraurig. So wie das Salz aus der Schütte rinnt, verrinnt die Zeit. Die Zeit, die wir hier verbringen und zusehen, wie der Körper des jungen Mannes vor unseren Augen verschwindet, die Zeit, die wir gezwungen sind, das auszuhalten, unsere Lebenszeit.

Wie schwer fühlen sich 800 Kilogramm an, die den ganzen Körper bedecken? Wie geht es ihm jetzt darunter? Würden wir gar nicht bemerken, wenn er jetzt wirklich in Not käme? Um ihn herumstehen, während ihm etwas Schlimmes passiert? Ich sehe nichts mehr von ihm. Das letzte Salz, das plötzlich sehr schnell zu rinnen scheint, rieselt auf den Boden neben der Installation. Dann wird es still. Einige Zuschauer verlassen zügig den Raum. Die meisten bleiben, bis sie erfahren, dass nichts mehr geschehen wird, bis alle gegangen sind. Ich bin verstört. Ich bin traurig. Ich muss mich zurückhalten. Gehen wir schnell, damit es für ihn ein Ende hat.

Ein Ende? Soll das das Ergebnis der anstrengenden Arbeit im Vorfeld gewesen sein? Schwer beladen die Leiter auf und ab, und im Moment des Ausruhens ist es vorbei? Was bleibt am Ende? Salz stellt das konservierende Prinzip dar, das dem Verderben entgegenwirkt. Es werden nur Erinnerungen von uns bleiben, bestenfalls. Ich will dafür sorgen, dass die Erinnerungen an mich ihre Würze haben – wie das Salz in der Suppe.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s